6200 Menschen teilen das Angebot der gemeinsamen Fahrzeugnutzung
Die Branche wächst, zumal die Benzinpreise steigen. Ziel ist ein stadtweites Angebot, das zu Fuß erreichbar und 24 Stunden verfügbar ist.
Christian Sternberg (53) hält die Kundenkarte an das Lesegerät, tippt einen Code in die Tastatur. Die kleine Tür zum Tresor öffnet sich. Über dem für ihn reservierten Autoschlüssel blinkt eine grüne Lampe auf. Eine Etage tiefer, in der Garage des Ottensener "Hauses der Multimediaproduzenten" steigt er in einen blauen Opel und fährt los. Der Chef einer Multimedia-Genossenschaft ist einer von mehr als 6200 Hamburgern, die einen von drei Carsharing-Anbietern (Green-wheels, cambio und DB Carsharing, insgesamt 124 Fahrzeuge) nutzen - sich nach Bedarf ein Auto leihen.
Knapp 100 000 Kunden sind es deutschlandweit, etwas mehr als 0,1 Prozent der Bevölkerung. "Das Marktpotenzial aber liegt bei einem Prozent, wie das Beispiel Schweiz zeigt", erklärt Birger Holm (52), Chef der Firma Greenwheels in Hamburg. Eine Studie des Freiburger Öko-Instituts errechnete sogar ein Potenzial von 1,5 Millionen Kunden. Die Branche will wachsen, zumal die Benzinpreise weiter steigen. Doch sie benötigt Unterstützung. Denn auch wenn die Nutzerzahlen in Hamburg steigen - allein der Anbieter Cambio vergrößerte seine Flotte von elf auf 23 Fahrzeuge, und die Zahl der Kunden stieg von 300 auf 630 - hat die Branche Probleme. Sie benötigt weitere Stellplätze in Wohngebieten. cambio sucht derzeit in Winterhude und Barmbek-Süd, so Sprecherin Bettina Dannheim. Ziel ist ein stadtweites Angebot, das zu Fuß erreichbar und 24 Stunden verfügbar ist. "Der Idealfall ist, aus dem Küchenfenster sehen zu können, welcher Wagen frei ist, und ihn im Internet zu buchen", sagt Holm von Greenwheels. 62 Standorte gibt es in der Hansestadt - 50 gehören Greenwheels. Es sind Parkplätze, die bislang von privat angemietet werden.
Der Carsharing-Bundesverband aber hofft auf eine Gesetzesinitiative, die 2004 eingebracht, in den Schubladen des Verkehrsministeriums liegt. Ziel ist es danach, die Straßenverkehrsordnung zu ändern. "Carsharing-Autos sollen wie Taxis an eigenen Ständen parken dürfen", erklärt Dirk Bake vom Bundesverband. Doch die Entscheidung verzögert sich weiter. Berlin hat seine Bezirke jetzt in Eigeninitiative angewiesen, Parkplatzflächen für Carsharing auszuweisen. In Hamburg steht man der Idee aufgeschlossen gegenüber. Aber: "Dann müssten wir auch den klassischen Autovermietungen Plätze bereitstellen", sagt Kerstin Feddersen, Sprecherin der Stadtentwicklungsbehörde.
Schon vor drei Jahren hatte Stiftung Warentest Carsharing gut beurteilt: Es lohne sich für Menschen, die nicht täglich und im Jahr nicht mehr als 10 000 Kilometer fahren. Die Hamburger Anbieter berechnen eine Kaution (z. B. 200 Euro), einen Monatsgrundpreis (5 bis 25 Euro) sowie Kilometerpreis (z. B. ab 9 Cent). Stundenweise und auf kurzen Strecken sei das Autoteilen von Vorteil, für Wochenend- und längere Fahrten aber klassische Mietwagen billiger. Carsharing-Kunde Christian Sternberg setzt sich derzeit sogar für eine Kooperation mit dem Altonaer Spar- und Bauverein ein. "Wir wollen jetzt von den Parkplätzen der Wohnungsgenossenschaft ein paar für Cambio reservieren - einen Autopool gleich vor der Haustür", sagt der Vorstand der "medien denk fabrik" am Fischmarkt. Sternberg vermietet Räume an Freiberufler. Als Teil einer Kooperation können sie auch Wagen von Cambio mieten. Vier der knapp 40 Mieter nutzen das Angebot seitdem.
Ähnliche Kooperationen hat auch Greenwheels, die 2007 eine Station direkt am Hamburger Wirtschaftszentrum (HWF) eingerichtet haben. "Unsere Projektmanager nutzen das Angebot ausgesprochen gern. Sie können so Kunden auch in Gegenden aufsuchen, die mit dem Nahverkehr nicht leicht zu erreichen sind", sagt HWF-Sprecherin Birgit Riege. Dank Greenwheels müsse HWF zudem keine eigenen Dienstwagen anschaffen und unterhalten.
"Vor wenigen Jahren war es eine Gewissensentscheidung", sagt Sternberg. Heute ist es für den studierten Volkswirt eine klare Rechnung: "Zum Monatsbeitrag zahle ich nur die Mietzeit und die Kilometer." Die Benzinkosten seien da bereits drin. Er müsse nur darauf achten, dass der Tank immer ein viertel voll ist.
Wie zukunftsweisend Carsharing gesehen wird, zeigt auch, dass bislang alle "autofreien Wohnsiedlungen" in Hamburg auf das Konzept setzen. So war ein Carsharing-Anbieter Teil des im Jahr 2000 gestarteten Modellversuchs "Saarlandstraße", so Behördensprecherin Feddersen. Und auch die Teilnehmer des Projekts "Kornweg" in Klein Borstel klären derzeit, mit welchem Anbieter sie kooperieren.